Protokoll des Qualitätszirkels Harburg 2
Datum: 11.4.2002 Autor:
J. Moll

Ort: Hotel Lindtner Zeit: 20.00- 22.00 Uhr

Teilnehmer: 17 Kollegen(Innen) gem. Teilnehmerliste incl. 7 Gästen.

Moderation: Dr. J. Moll

Thema: Diabetestherapie (Teil III)

Diabetes und Schwangerschaft

  1. Gestationsdiabetes
  2. Schwangerschaft bei bek. Diabetes

Ad 1.) Gestationsdiabetes

Definition: Hyperglykämie, die erstmals in der Schwangerschaft festgestellt wurde [Girling 1997].

Häufigkeit: Ca. 6% (!) aller Schwangerschaften (in Deutschland).

Auftreten meist im 3. Trimenon.

Risiken:

Mütterlich: Gestose und Eklampsie, Plazentainsuff., gehäuft Sectio.

Kindlich: Diab. Fetopathie, Makrosomie, Organreifestörungen, intraut. Mangelentwicklung, postpartale Hypoglykämie, E’lytstörungen. Diabetesrisiko!

Diagnostik:

Screening: 24.-28. SSW. 50 g Glucose, nach 1 Std. BZ- Kontrolle. Grenzwert 140 mg%. (Tageszeit beliebig, keine Nüchternperiode notwendig)

Wenn Screening pos. oder bei hohem Diabetesrisiko auch primär OGT-Test:

10 Std. Nahrungskarenz, 75 g Glucose in 10 min

BZ- Test nüchtern, 1. Std., 2. Std.

Grenzwerte:

Kapilläres Vollblut (entspr. Hämolysat) 90 – 180 – 160

Venöses Plasma 105 – 190 – 155

Positive Diagnose, wenn 2 Werte über Limit.

Keine Verwendung von Handmessgeräten für Diagnosestellung!!!

Therapieziele:

Nüchtern-BZ 60 – 90 mg%; 1 Std. postprandial < 140 mg%,

2 Std. postprandial < 120 mg%

Therapie:

Bei Adipositas Diätversuch unter BZ- Selbstkontrolle. Bei Nichterreichen der Ziele:

Frühzeitig Insulin (ICT, wie bei Typ I), keine Analoga (Lispro evtl. 2,3 Trim.),

OAD kontraindiziert!

Risikoabschätzung für Gestationsdiabetes:

Hohes Risiko bei

Übergewicht BMI > 27

Bereits GDM bei vorausgehenden Schwangerschaften, Glukosurie, Diabetes in der Familienanamnese (Verwandte 1. Grades), auffällige geburtshilfliche Anamnese (Makrosomie > 4000 g, Fetopathie, Totgeburt, mehrfache Aborte).

Cave: Gesunde Frauen haben in der Schwangerschaft niedrigere BZ- Werte!

In der Schwangerschaft physiologisch erniedrigte Nierenschwelle für Glucose:

Glukosurie häufig und nicht beweisend für Diagnose GDM- Ausschl. GDM jedoch in jedem Fall notwendig.

 

Ad 2) Schwangerschaft bei bek. Diabetes

Erhöhtes kindl. Missbildungsrisiko bei prä-/ perikonzeptionell erhöhten BZ- Werten.

Daher: Bereits bei aktuellem Kinderwunsch Intensivierung der Therapie mit Ziel Normoglykämie!

Therapieziel: Korridor für BZ-Tagesprofil (Messungen prä- und postprandial):

60 – 120 mg%, höchstens 140 mg%.

Mittlere Blutglukose aus 6 – 8 Tagesprofil- Werten < 100 mg %

Engmaschige Diabetologische und Gyn. Kontrollen. Früher Kontakt zu Entbindungsklinik mit Diabeteserfahrung und Neonatologie.

Schwangere Diabetikerinnen incl. GDM sollten nur von hierin erfahrenen Ärzten diabetologisch betreut werden!

Differentialtherapie mit Insulin und OAD

Insuline und OAD werden in ihrer jeweiligen Indikation auch unter Kosten-/Nutzen- Gesichtspunkten diskutiert.

Insuline:

I.) Schnellwirkende Insuline

1.) Normalinsulin

Vorliegen im Gewebe als Hexamer (unter Einschluß von 2 Zinkionen). Resorbierbar erst nach Aufspaltung in Di-/ Monomere.

2.) Schnellwirkende Analoga

Lispro, Aspart: Hexamerstruktur instabil. Schnellerer Zerfall in Monomere.

II.) Verzögerungsinsuline

1.) NPH- Insulin.

Mischbar mit Normalinsulin.

2.) Zinkinsuline

a) Kristallin- z.B. Ultratard HM. Nachteil: Inter- und intraindividuell stark schwankende Resorption. Schlechte Durchmischbarkeit (bis 5 min Zeitaufwand). Nicht mischbar.

b) Amorph. Semilente: Schweineinsulin, Wirkmaximum später als bei NPH- Insulin.

In Mischung 30/70 mit Ultratard: Monotard HM.

3.) Surfeninsulin.

Verzögert durch Aminoquinurid- Zusatz. Sauer, gewebetoxisch (Lipodystrophien), allergisierend, nicht mischbar.

4.) Langsamwirkende Analoga

Glargin. In Lösung sauer Nach Injektion bei neutralem pH rel. stabile Hexamerstruktur.

Der Insulinpreis liegt zwischen 2,9 (generisches U-40 Insulin) und 4,9 (Analoginsulin im Fertigpen) Eurocent/IE.

Orale Antidiabetika

1.) Sulfonylharnstoffe

Angriffspunkt: SH-Rezeptor der Betazelle

HbA1c- Senkung ca. 1,2 - 1,9 %

Ca. 10 % Sekundärversagen/ Jahr

Leitsubstanz Glibenclamid: Plasma- Halbwertzeit 8 h, Wirkdauer bis 24 h (hohe Rezeptoraffinität, Lipophilie)- entspr. Hypoglykämiegefahr.

Schwächer und kürzer wirksam:

Glisoxepid (Pro-Diaban) und

Gliquidon (Glurenorm)- extrarenale Elimination

Glimepirid (Amaryl): 1 x tgl. Einnahme, extrapankreatische Wirkung diskutiert.

 

 

2.) Glinide

Angriff an eigenem Rezeptor an der Betazelle (ATP-abh. K- Kanal)

Repaglinide (Novonorm)

Nateglinide (Starlix)

Prandiale Gabe, kurze Wirkdauer, geringe Hypoglykämiegefahr

Sinnvolle Kombination mit Metformin

Kontraindikation: Schwere Leber-/Niereninsuff.

Keine Zulassung <18 J. und > 75 J.

3.) Alphaglukosidasehemmer

Acarbose, Miglitol

Hemmung intestinaler Disaccharidasen. Damit Verzögerung der Kohlenhydratresorption. Selbst keine Resorption, daher NW- Beschränkung auf intestinale Ebene (Meteorismus,Übelkeit, Diarrhoe).

Therapieabbruch wg. NW in 25 %.

Senkung HbA1c: 0,9 % (Lebovitz ‚98); 0,5% (UKPDS);

0,2% (UKPDS, intention to treat-Auswertung)

4.) Metformin

Wirkungen:

Hemmung hepatischer Glukosefreisetzung

Verzögerung der Glukoseaufnahme aus dem Darm

Glukosetransport durch die Zellmembran (Insulinresistenz)

Dosierung: Beginn 500-850 mg morg., nach 3-4 Tagen evtl. zusätzlich Abenddosis, Steigerung bis max. 2000 mg/die (Wirkmaximum!).

Senkung HbA1c bis ca. 1,3 % (Cusi ‚98)

Cave: Zahlreiche Kontraindikationen:

Niereninsuff. (Krea bis ca. 1,3 mg% ??), Leberinsuff., Herzinsuff.

COLD, PAVK, Alkoholabusus, Reduktionsdiät (<1000 kcal), Alter (??), Akuterkrankungen mit Katabolismus, 2 Tage vor Rö- Kontrastmittelexposition!

5.) Glitazone

Rosiglitazon (Avandia), Dosierung: Komb SH 4 mg, Komb. Metformin bis zu 8 mg

Pioglitazon (Actos), Dosierung bis 30 mg (Standarddosierung)

Wirkung: Bindung an Kernstrukturen, vermehrte Expression von Glukosetransportern in der Zellmembran.

Senkung auch besonders der Triglyceride.

Wirkbeginn nach 8 Wo. Auswirkung auf HbA1c nach 12 Wo (!)

Stark eingeschränkte Zulassung:

In Komb. mit Metformin, wenn M. allein in max. Dosierung nicht ausreichend.

In Komb. mit SH, wenn dieses allein in max. Dosierung nicht ausreichend und Metformin kontraindiziert.

Kontraindikationen: Herzinsuff. (Stad. I(!) – IV), Leberinsuff.

Kontrolle Transaminasen und Gewicht (Zunahme bis 3,5 kg)

Periphere Ödeme bei 4 % der Pat.

 

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